DAS "JETZT" UND SEINE JEWEILIGE "PHANTASIE"

 

Nehmen wir die blosse Phantasie. Eine phantasierte Farbe ist keine Gegebenheit im Sinne einer Empfindungsfarbe. Wir unterscheiden die phantasierte Farbe von einem Erlebnis des Phantasierens dieser Farbe. Das Mir-vorschweben der Farbe (um es roh auszudrücken) ist ein Jetzt, ist eine seiende cogitatio, die Farbe aber selbst ist keine jetzt seiende Farbe, sie ist nicht empfunden. Andererseits in gewisser Weise gegeben ist sie doch, sie steht mir ja vor Augen. So gut wie die Em-pfindungsfarbe kann auch sie reduziert werden, durch Ausschluss aller trans-zendenten Bedeutungen, die bedeutet mir also nicht Farbe des Papiers, Farbe des Hauses und dgl. Alle empirische Existenzsetzung kann suspendiert werden; dann nehme ich sie genau so, wie ich sie „schaue, quasi „erlebe“.

 

Ein reeller Teil des Phantasieerlebnisses ist sie aber trotzdem nicht, sie ist eine nicht gegenwärtige, sondern vergegenwärtigte Farbe, sie steht gleichsam vor Augen, aber nicht als reelle Gegenwart. Aber bei alledem ist sie erschaut und als erschaute ist sie in gewissem Sinne gegeben. Ich setze sie damit nicht als physische Existenz, ich setze sie auch nicht als Existenz im Sinne eine rechten cogitatio; denn diese ist ein reelles Jetzt, eine Gegebenheit, die mit Evidenz als Jetztgegebenheit charakterisiert ist. Dass die Phantasiefarbe in dem einen und anderen Sinn nicht gegeben ist, besagt doch nicht, dass sie es in keinem Sinne ist. Sie erscheint und erscheint selbst, sie stellt sich selbtst dar, sie selbst in ihrer Vergegenwärtigung schauend kann ich über sie urteilen . . .

 

über die sie konstituierenden Momente und deren Zusammenhänge. Natürlich sind auch diese im selben Sinn gegeben und nicht „wirklich“ existierend im gesamten Phantasieerlebnis, nicht reell gegenwärtig nur „vorgestellt“. Das reine Phantasieurteil,das bloss ausdrückt den Inhalt, das singuläre Wesen des Erscheinenden kann sagen: dies ist so geartet, enthält diese Momente, verändert sich so und so, ohne im geringsten über Existenz als wirkliches Sein in der wirklichen Zeit, über wirkliches Jetztsein, Vergangensein, Künftiges zu urteilen. Wir können also sagen, über die individuelle Essenz wird geurteilt und nicht über die Existenz.

(Phänomenologie des JETZT)

 

Copyright © 2007  [INTERLACEarts!]. Reservados todos los derechos. Revisado el: 22 de junio de 2009.