Im Rahmen des heutigen Elasticismo sind Zeit- und Sinn-Reisen möglich. Es ist nur eine Frage von Ausdehnung und Rückkehr in Zeit und Raum. So gelang es uns ein Interview mit Raoul Hausmann zu elastizieren.

 

DADA–today: Die "Surrealistische Gebrauchsanweisung zum Umgang mit den Erscheinungsformen" ist in Form eines Kurzfilms zur Finissage von „Gabinetes Cambiantes“– wegen des grossen Publikumsandrangs zwei Mal gezeigt worden und der Text wurde  dann im Internet veröffentlicht. Wie sieht es aus mit Parallelen zu den Manifesten ihrer Zeit?

R.H.: Die meisten Manifeste waren in den Avantgardezeitschriften und nur selten als Flugblätter erschienen. Sie hatten trotzdem einen Einfluss. Nicht nur auf die Intellektuellen, sondern auch auf die Masse, denn zahlreiche Tageszeitungen brachten ironische oder entrüstete Besprechungen darüber. Ausserdem dienten die verschiedenen Soireen und Matineen, zusamen mit den Aus-stellungen, zu wütenden Angriffen auf die augenscheinliche künstlerische Wert-losigkeit Dada’s. Das Publikum war also bis in weite Schichten unterrichet.

DADA-today: Auch wir wurden mit einigen Kommentaren beglückt, wovon mir persönlich „No apto para cubistas“ am Besten gefiel - eine kreative Anwandlung eines Journalisten. Neo-Dada?

R.H.: Praktisch sehen die anti-künstlerischen Happenings mehr wie vorgefasster und methodischer Klamauk aus, als etwas schöpferisch Neues.

 

Auch wenn etwa Daniel Spoerri seine sehr ungeordneten Materialanhäufungen „Fallen-bilder“ nennt, so ist er damit nicht über eine starr festgehaltene Dach-stubenromantik hinausgelangt, ebenso-wenig wie etwa Alberto Burri. Man kann eingentlich nur von Schularbeiten eines neodadaistischen Akademismus sprechen.

Dada-today:  Bei "Oficina" ging es  um „EL Dorado“, den goldenen Nachttopf. Exakt als Einstieg in die grosse Welt-wirtschaftskrise unserer Tage, Wertvor-stellungen  abstrahierend und er-schütternd. Kann sich heute ein Pro- und Anti-Text in einer von uns bezeichneten Ästhetischen Situation artikulieren?

R.H.: Dada war neben vielem Anderen auch eine Protesthaltung gegenüber den bürgerlichen und intellektuellen Tra-ditionen. Der  Neodadaismus ist dies entschieden nicht: Er macht sich die Existenz nach bekannten Beispielen leicht und einfach. Zu einfach, manchmal so einfach, das man von Plagiat sprechen könnte. Sie wollen nichts angreifen, nichts erschüttern, nichts verhöhnen, sie sind kein Protest, sie zeigen nur, das man ein Rezept kennt.

Dada-today: Eben deshalb gab es bei uns die Synthese von Dada-today und el „Nou Surrealisme Pitius“, welche als Elasticismo diskursiv wurde.

 

Es geht hier also um ur-existenzielle, ur-menschliche Fähigkeiten. In einer zeit-genössischen Ur-Vitalität?

R.H.: Der Dadaist als Mensch , der nur zu gut die Unmöglichkeit des apriorischen, unendlichen Ich begriffen hat, balanciert die Gegebenheiten dieser endlichen Welt, die scheinbar aus dem Nihil explodiert und zu ihrer eigenen Belustigung in dieses Nihil zurückstürzt, als sichere Gegenläufigkeit, ganz unbekümmert um irgendwelche ernsthaften Ambitionen der Theoreme von transzendent-kosmischer oder rational-veristischer Prägung.

Dada-today: Eben ganz im Sinne des Elasticismo. Da wir ja bekanntlich nur prinzipiell unentscheidbare Fragen entscheiden können, geht es nicht um Be- oder Ent-Grenzungen, sondern um den Elastizitätskoeffizienten in all unseren kreativen Äusserungen. Gibt es dort ein Ziel, dass vielleicht irgendwann erreicht werden kann?

R:H.: Das Endziel des Neodadaismus wäre, sich selbst zu übersteigern und an die Stelle eine Ismus, überpersönliche, unverspielte Ausdrucksformen zu finden, die irgendwo in der universalen menschlichen geistigen phänomeno-logischen Erkenntnisfähigkeit auf ihre Entfesselung warten.

Dada-today: Vielen Dank !

 

 

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